Quo vadis Schreibzentrum? Technologien, Leitlinien und neue Herausforderungen

Technische Herausforderungen, Überschätzung von Tools und die Notwendigkeit einer lebendigen Schreibprozesskultur: Das Aufkommen von KI-Technologien im Kontext der Hochschullehre weicht die Grenzen der Zuständigkeit von Schreibzentren zunehmend auf. Die Überschätzung von Tools auf der einen Seite stellt die Notwendigkeit wissenschaftlichen Schreibens in Frage, während andererseits die Förderung von Text- und Schreibkompetenz gerade durch das Aufkommen textgenerierender künstlicher Intelligenz immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Neue Zuständigkeiten
An der Schnittstelle zwischen Institution und Praxis nehmen Schreibzentren eine besondere Rolle ein. Drängende Fragen nach dem ethischen Umgang mit innovativen Technologien sowie die Vielfalt und ständige Weiterentwicklung von Tools als Hilfsmittel für den Schreibprozess stellen akute praktische Herausforderungen dar und erfordern eine rasche Positionierung.
Wo zuvor klar war, dass sich ein Schreibzentrum nicht als Zitierpolizei des jeweiligen Instituts betrachtet, rücken Fragen nach Autor*innenschaft und Quellenangaben künstlich generierter Texte zunehmend in den Mittelpunkt schreibdidaktischer Diskussionen. Nicht selten sitzen Vertreter*innen der Schreibzentren in institutionellen KI-Gremien oder beteiligen sich am Aufbau von KI-Leitlinien. Die Frage nach einem Quo vadis ist auch eine Frage nach konkreten Zuständigkeitsfeldern.
Schreibkompetenz als Notwendigkeit
Der scheinbare Verzicht auf wissenschaftliche Abschlussarbeiten, insbesondere Bachelorarbeiten, in Studienplänen geriet in den vergangenen Monaten immer wieder ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit.
Die Fakultät für Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Prag war 2023 eine der ersten Universitäten, über die bekannt wurde, dass die Bachelorarbeit in ihrer klassischen Form abgeschafft werde (Der Standard, 2023), und auch in Österreich hat die Diskussion um Notwendigkeit und Anpassungen hinsichtlich der Abschlussarbeiten längst Fahrt aufgenommen (ORF, 2024). Insgesamt sind dabei Bemühungen zu verzeichnen, die den Fokus verstärkt auf Prozessdokumentation verlagern. Das Formulieren von Forschungsfragen und die Dokumentation und Darstellung der wissenschaftlichen Arbeitsschritte gewinnt mit dem Aufkommen textgenerierender künstlicher Intelligenz eine neue Wertigkeit.
Die aktuellen Entwicklungen weg vom Endprodukt Abschlussarbeit und hin zum Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens wirken wie eine Einladung an die Schreibzentren der Institutionen, sich an Diskussionen zu beteiligen, die schließlich die eigenen Kernkompetenzen betreffen:
Das Reflektieren von Denk- und Arbeitsschritten sowie des Schreibens durch gezielte Übungen, Gespräche und Feedbackrunden zur Verbesserung der Schreibfähigkeit sind als Schlüsselqualifikationen aktueller denn je, um den veränderten Anforderungen an das wissenschaftliche Arbeiten gerecht werden zu können. KI-Technologie ist nur sinnvoll und gut nutzbar, wenn der Mensch, der sie einsetzt, beurteilen kann, dass das daraus entstandene Produkt hochwertig ist. Es bedarf einer Quellenkritik für KI-Innovationen. Wissenschaftliches Schreiben und Arbeiten bleibt demnach eine wichtige Kompetenz, um die gute wissenschaftliche Praxis in einem sich zunehmend verändernden Feld aufrecht zu erhalten.
Im Rahmen dieser gegenwärtigen Entwicklungen sind Schreibzentren zunehmend gefordert, sich einerseits im Umgang mit KI-Technologien zu positionieren und andererseits mit der eigenen Expertise bei der Entwicklung von Leitlinien zum Einsatz künstlicher Intelligenz unter Bewahrung der guten wissenschaftlichen Praxis mitzuwirken.
Über das Schreiben sprechen
Die Expertise von Schreibzentren zu den Themenbereichen wissenschaftlicher Integrität und verantwortungsvollem Umgang mit innovativen Technologien drängt diese verstärkt in die Rollen von Servicestellen, die Auskunft über den richtigen Umgang mit KI-Technologien geben sollen. Doch inwieweit ist dieses neue Aufgabenfeld mit dem Kerngeschäft vereinbar?
„Um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind weder da, um irgendeinen externen Lehrplan zu bedienen, zu erweitern, zu unterstützen, zu ergänzen, zu verstärken, noch wollen wir auf irgendeine Art durch einen solchen Lehrplan definiert werden. Wir sind da, um mit Schreibenden zu sprechen.“
North, 2014, S. 344
Der Text, den North Zur Idee eines Schreibzentrums bereits in den 1980er Jahren formuliert, prägt das Selbstverständnis der Schreibzentrumsarbeit bis heute. Anstelle normativer Fehlerkorrektur und curricularer Arbeit soll das Sprechen über das Schreiben im Mittelpunkt stehen. Ein Schreibzentrum ist ein Ort der Begegnung, wo sich Schreibende an verschiedenen Stellen ihres Arbeitsprozesses hinsetzen und miteinander in Dialog treten können. Beratungen, die hier stattfinden, sind nicht direktiv (Girgensohn & Liebetanz, 2010), es findet also keine Fehlerkorrektur statt. Das erlaubt den Schreibzentren, durchaus auch eine „kritische Distanz“ (Pany-Habsa, 2024) zur leistungszentrierten Praxis der jeweiligen Hochschule herzustellen. Die viel zitierte Hilfe zur Selbsthilfe (Bräuer, 2014) steht im Vordergrund.
Auch der Einsatz von KI-Tools und deren Einsatzmöglichkeiten im Schreibprozess ändert nichts an der Notwendigkeit, diese Schritte benennen und reflektieren zu können. Schreibzentren sind weiterhin gefordert, Schreibende in ihrem Arbeitsprozess zu begleiten und ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu stärken. Das Aufkommen textgenerierender künstlicher Intelligenz betrifft das Aufgabenfeld von Schreibzentren im Kern. Doch es löst diese nicht in ihrer Kernkompetenz ab: Mit Menschen über das Geschriebene zu sprechen.
Diskutieren Sie mit!
- Welche Rolle nehmen KI-Technologien im Schreibzentrum Ihrer Institution ein?
- Inwiefern müssen sich Schreibzentren in Hinsicht auf KI transformieren?
- Wie können sie in ihren Kernkompetenzen sichtbar bleiben und den wachsenden Anforderungen, die sich aus neuen Technologien ergeben, gerecht werden?
Literatur
Bräuer, G. (2014). Grundprinzipien der Schreibberatung. Eine pragmatische Sicht auf die Schreibprozesstheorie. In S. Dreyfürst & N. Sennewald (Hrsg.), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 257–282). Barbara Budrich UTB.
Der Standard (2023, Dezember 3). Prager Uni schafft angesichts von ChatGPT Bachelorarbeiten ab. derstandard.at https://www.derstandard.at/story/3000000197992/prager-uni-schafft-angesichts-von-chatgpt-bachelorarbeiten-ab
Girgensohn, K. & Liebetanz, F. (2010). Schreibberatung für in- und ausländische Promovierende als institutionelles Angebot. In K. Girgensohn (Hrsg.), Kompetent zum Doktortitel (S. 179–197). Springer.
North, S. M. (2014). Zur Idee eines Schreibzentrums. In S. Dreyfürst & N. Sennewald (Hrsg.), Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 339–351). Barbara Budrich UTB.
ORF (2024, März 14). Unis passen wegen KI Abschlussarbeiten an. wien.ORF.at. https://wien.orf.at/stories/3248909/
Pany-Habsa, D. (2024). Was leistet Nicht-Direktivität? In Wetschanow, K., Unterpertinger E., Kuntschner E. & Huemer, B. (Hrsg.), Neue Perspektiven auf Schreibberatung (S. 57–79). Böhlau Verlag.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Panthea Pawlat (2. Oktober 2024). Quo vadis Schreibzentrum? Technologien, Leitlinien und neue Herausforderungen. Die Schreibtasche für Schreibdidaktik. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/12eml
Prozess-orientiertes Arbeiten verbessert potenziell die Betreuer*innen-Studierenden-Beziehung.
Bestehende Haltugnen von Schreibzentren (Non-Direktivität, “kritische Distanz”, Non-Normativität) könnten je nach Kontext in Frage gestellt werden (Schreibberatung mit Studierenden vs. Beratung von Lehrenden und Instituten)
“Lehrende brauchen Unterstützung, jedoch gibt es kaum Ressourcen.”
“Aufgaben von Schreibzentren ändern sich – mehr Angebote/Anfragen von/für Lehrende.”
“Möglichkeiten, Grenzen und kritische Distanz auf d. Handhabe mit KI einzuwirken.”
“Übersetzungsleistungen sind erwünscht.”
Mit der Einführung von KI richtet sich der Fokus mehr auf den Schreibprozess -> eine Chance fürs Feld.
KI kann definitiv eine Chance sein, den Blick für den Schreibprozess zu schärfen bzw. die epistemologische Entwicklung der Schreibenden zu thematisieren.