Positives Schreiberleben durch Affirmative Arrangements: Hä?
Der Beitrag begründet und reflektiert den Begriff Affirmatives Arrangement für Schreibumgebungen. Für solche, die sich Schreibende selbst schaffen bzw. die von Trainer:innen, Coaches, Schreibzentren für Schreibende arrangiert werden.
Ein Gastbeitrag von David Kreitz
Bildquelle: Foto von Roya Azizi auf Unsplash
Ein Gedankenimpuls
Hin und wieder lese ich das Online-Magazin Geschichte der Gegenwart. Vor kurzem fand ich darin den Text eines Philosophen, der bei einem Thinktank der Kommunikationsagentur Fischer-Appelt arbeitet. Nun interessiert es mich immer, wenn es Geistes- und Kulturwissenschaftler:innen in „die Wirtschaft“ verschlägt, und ich schaute mich ein wenig auf deren Webauftritt um. Dabei stolperte ich über ein Dossier von Fischer-Appelt & Wüschner (o.J.) zum Thema Affektive Arrangements: Willkommen in der Affektzeit. Warum es in Kommunikationsstrategien zuerst ums Erleben gehen muss.
Zunächst las ich es, weil ich dachte, das Dossier könnte für Aufgaben im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit in meinem Hauptjob wichtig sein, dann aber stellte ich fest, dass mich das Konzept für die Schreibwissenschaft interessierte.
Was dieser Text will
Kultur- und sozialwissenschaftliche, auch philosophische Konzepte in der Schreibwissenschaft/-didaktik zu nutzen, fand ich schon immer nicht nur interessant, sondern auch gewinnbringend. Daher habe ich mich in der Vergangenheit an unterschiedlichen Stellen mit der Schreibszenen-Forschung, der Akteur-Netzwerk-Theorie und daraus abgeleitet mit persönlichen Schreibwerkstätten auseinandergesetzt (Kreitz, 2021a).
Hier möchte ich Überlegungen dazu anstellen, inwiefern für schreibwissenschaftliche Theorie und schreibdidaktische Praxis sich ein sinnvoller Bezug auf Affektive Arrangements herstellen lässt. Dazu werde ich zunächst beschreiben, was Affektive Arrangements sind und in welchen Theorietraditionen dieses Konzept steht. Daran anschließend erläutere ich, dass diese Theorietraditionen auch in der Schreibwissenschaft von Interesse sind und warum Affektive Arrangements eine zusätzliche Betrachtungs-, Untersuchungs- und Didaktikdimension von persönlichen Arbeitsnetzwerken und Arbeitsplatzgestaltungen sind. Abschließend möchte ich darlegen, warum ich im Zusammenhang mit dem Versuch (für Schreibende und Schreibdidaktiker:innen) optimale Schreibbedingungen zu schaffen von Affirmativen Arrangements sprechen möchte.
Was sind Affektive Arrangements?
Das Konzept beschreibt die Anordnung von Dingen und Personen an einem Ort, und die dabei durch Interaktion entstehenden Affekte. Diese Affekte werden somit nicht als innerer Ausdruck von Personen verstanden, sondern entstehen in der Situation durch Beziehungen von Personen untereinander und mit Objekten. Dabei wird von Affekten gesprochen, nicht von Emotionen, da Emotionen als bereits benenn- und einordbar verstanden werden, Affekte nicht (SFB 1171, 2022; Slaby, 2019).
Das Konzept kennt diverse Vorläufer und Einflüsse v.a. aus der postmodernen Theorie. Als da wären alle Ansätze, die den Status des individuellen, umweltbeherrschenden, selbstbestimmt handelnden Subjekts auflösen und verstärkt auf dessen Abhängigkeiten (von u.a. Sprache, Dingen, Mitlebewesen) hinweisen. Hier sei wiederum die oben erwähnte Akteur-Netzwerk-Theorie genannt, aber auch die Arbeiten von Deleuze/Guattari zu Assemblagen. Insbesondere auf letztere beziehen sich die Entwickler:innen des Konzepts Affektive Arrangements (Slaby, 2019). Festzuhalten ist v.a. die Vorstellung von Relationen und Interaktionen von Systemen, Menschen, Dingen, Lebewesen, die in den Mittelpunkt rücken und die Herrschaft und Handlungsmacht des Individuums als bestimmendem zentralen Akteur fragwürdig werden lassen.
Was soll das in der Schreibwissenschaft?
Anschließend an die Methodik der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) haben Kulturwissenschaftler:innen die persönlichen Schreibwerkstätten von Wissenschaftler:innen untersucht und ich selbst habe die ANT in einem Artikel genutzt, um darzulegen, dass wir es bei Schreibenden immer mit hybriden Akteur:innen, also Person-Objekt-Netzwerken (Schreiber:in plus Stift plus Blatt), zu tun haben, wie die ANT sie uns vorstellt (Kreitz, 2021a). Die Schreibwissenschaft hat – aktuell insbesondere unter dem Einfluss der Möglichkeiten des KI-gestützten bzw. unterstützten Schreibens – Interesse an Schreibinstrumenten und ihrem Einfluss beim Schreiben (Ayas, 2024; Stingelin, 2012; Braun & Kreitz, 2024a, b). Die aus der germanistischen Kulturwissenschaft stammende Schreibszenenforschung hat insbesondere das Zusammenspiel von Schreibgesten, Schreibinstrumenten und Sprache untersucht und stark auf Momente fokussiert, in denen dieses Zusammenspiel nicht mehr funktioniert und Schreibende die auftretende Problematik reflektieren (Bosse, 2021; Überblick bei Braun & Kreitz, 2024b).
Torsten Steinhoff (2023, 10) wiederum bezieht sich ebenfalls auf die ANT, besteht aber darauf, dass Räume, Dinge, Objekte nicht gleichartige oder gleichwertige Mithandelnde sind, sondern dass sie uns Ko-Aktivität ermöglichen, ihren Einsatz, ihren Gebrauch suggerieren, in ihnen also ein Vorschlag steckt, wie sie einzusetzen sind. Besieht man sich diese Überlegungen zur Interaktion von Personen und Dingen, die Schreiben erst ermöglichen, so muss festgestellt werden, dass Überlegungen zu Arrangements durchaus verbreitet sind in der Schreibwissenschaft.
Dass diese Arrangements auch Schreibende irgendwie affektiv betreffen („affizieren“), ist bisher weniger überlegt worden. Die Möglichkeit scheint auf in den problematisch werdenden Schreibszenen, wenn Schreibende sich über dysfunktionale Schreibgeräte ereifern (Stingelin, 2021), und bei Promovierenden, die ich Ressourcen-Netzwerke gestalten und kommentieren ließ (Kreitz, 2021a). Grundsätzlich sei die Wichtigkeit der emotionalen Seite des Schreibens bisher wenig untersucht, so Ruhmann (Kreitz, 2021b). Empirisch sei sie schwer zu fassen und würde häufig als „Gefühlsduselei“ abgetan. Wobei Ruhmann betont, dass Emotionen darüber bestimmen, wie wir uns im Schreibprozess verhalten.
Und hier kommen m.E. die Überlegungen zu Arrangements von Dingen und Menschen, die Schreibende beim Schreiben unterstützen, mit denen sie ko-aktiv handeln, und die Überlegung, dass diese Arrangements uns auch affektiv stimulieren, ja aktivieren, zusammen und plausibilisieren meine Idee der Affirmativen Arrangements.
Affirmative Arrangements: Was soll das sein?
Schiller mit seinem gammeligen Apfel in der Schreibtischschublade, dessen fauliger Geruch ihn zum/beim Schreiben angeregt haben soll; Goethe, dessen Haus so angelegt ist, dass es eine Art Produktivitätsmaschine ist (Trunz, 1990 in Porombka, 2012, 14ff.); überhaupt die Schreibtische, Schreibräume von Schriftsteller:innen sind Beispiele für Affirmative Arrangements (Perrig, 2011).
Nehmen wir also an, dass sich alle Schreibenden ein unterstützendes Netzwerk aufbauen, das Unterschiedliches zusammenbringt. So kann dieses Netzwerk u.A. Arbeitsweisen, Sprachen, Zeiten, Orte, Personen, Geräte, Programme, Rituale, Aktivitäten umfassen und diese auf je individuelle Weise kombinieren. Die Unterstützung dieses Netzwerks liegt dabei einerseits in konkreten Leistungen, wie z.B. Feedback, Konzentration, Fokus, aber auch auf einer emotional-affektiven Ebene. Es ermöglicht selbstbewusstes Schreiben, hilft innere Kritiker:innen ruhig zu stellen, Schreibbelastungen zu reduzieren, womöglich Schreiblust zu erleben. D.h. die funktional-rationale Seite der schreibunterstützenden Netzwerke ist immer auch verwoben mit einer emotional-affektiven Seite: Alle Überlegungen zum Schreibprozessmanagement, zum Nutzen bestimmter Software, dem Involvieren bestimmter Personen etc. sind gleichzeitig Maßnahmen der affektiven Stabilisierung.
Eine Aufgabe für Schreibende ist immer wieder ihr unterstützendes Netzwerk zu prüfen und zu stabilisieren und daraufhin „abzuklopfen“, inwiefern es sich positiv auf das eigene Schreiben auswirkt.
Aus diesem Fokus auf Unterstützung und positiver (Selbst-)Beeinflussung sowie dem Konzept der affektiven Arrangements habe ich den Begriff des Affirmativen Arrangements abgeleitet. In der Ähnlichkeit der Begriffe drückt sich die Vorstellung überindividueller, relationaler Netzwerk-Einflüsse aus, die Schreibende zwar als zentrale Akteur:innen in Richtung Unterstützung und positive Verstärkung zu steuern versuchen, aber die sie doch nie vollkommen kontrollieren können.
Schreibdidaktik und Affirmative Arrangements?
Blickt man in die Schreibdidaktik und insbesondere auf Überlegungen, die Schreibproduktivität zu erhöhen, so versuchen wir als Schreibdidaktiker:innen häufig Affirmative Arrangements zu kreieren. Beispielhaft möchte ich Schreibberatungen/-coaching, Schreibworkshops und Schreibretreats herausgreifen.
Schreibberatung/-coaching:
Affirmative Arrangements können einerseits Thema in Schreibberatungen/-coachings sein, wenn es darum geht, wie Schreibende ihre persönliche Schreibwerkstatt einrichten und wie diese auf affektiver Ebene wirkt. Auch bei Beziehungen zu anderen Personen oder Gefühlen dem Text gegenüber spielen Affekte eine Rolle.
Andererseits soll m.E. auch die Beratungs-/Coachingssituation ein Affirmatives Arrangement sein, denn in der Interaktion zwischen Menschen, Text etc. findet eine gegenseitige Affizierung statt, was alleine schon durch räumliche Anordnung unterstützt wird (Sitzweisen etc.).
In der Erforschung von Schreibberatung spielen Affekte bisher kaum eine Rolle, wobei sie bei der Untersuchung unterschiedlicher Perspektiven, die auf einen Text eingenommen werden (Grieshammer, 2018), durchscheinen.
Schreibworkshop:
Bei Workshops geht der Blick zuerst auf die Gestaltung des Workshopraums und der -atmosphäre: Ist der Raum einladend, gibt es genug Platz für alle Schreibenden und auch für Geräte und Bücher, sind Pausen sinnvoll eigeplant, werden alle Teilnehmenden abgeholt, sind Materialien gut erreichbar (digital und/oder physisch), gibt es Getränke und Snacks, Freiarbeit und sinnvollen Input?
Schreibretreat:
Schreibretreats stellen an Schreibdidaktiker:innen auf der Ebene Affirmativer Arrangements die gleichen Anforderungen wie Schreibworkshops, jedoch muss gerade die Balance aus freiem Arbeiten, Input, Pausenangeboten und Beratung gut austariert sein und individuelle Bedürfnisse berücksichtigen: Oft erwarten die Teilnehmenden mehr Freiraum für ihren eigenen Arbeitsprozess und die Möglichkeit, die wichtigsten Aspekte ihrer persönlichen Schreibwerkstatt auch vor Ort umsetzen zu können.
Was ich mich – und euch bzw. Sie – allerdings frage:
- Sind der Begriff und das Konzept der Affirmativen Arrangements einleuchtend?
- Wie sieht Ihre persönliche Schreibwerkstatt/Ihr unterstützendes Netzwerk aus? Wirkt es auch affektiv/emotional? Und verändert es sich?
- Beachten wir die emotional-affektive Seite unserer Schreibdidaktikformate und -settings genug?
- Bietet sich hier auch eine Perspektive für schreibwissenschaftliche Forschung an?
Cite this article as:
Kreitz, D. (2025). Positives Schreiberleben durch Affirmative Arragements: Hä? In Die Schreibtasche für Schreibdidaktik, 11/08/2025, https://doi.org/10.58079/14gzf , https://schreibtasch.hypotheses.org/3734
Literatur
Ayas, R. (2024). Schreibwerkzeuge. Eine mediensoziologische Perspektive. In A. Karsten & S. Haacke (Hrsg.), 40 Begriffe für eine Schreibwissenschaft: Konzeptuelle Perspektiven auf Praxis und Praktiken des Schreibens (S. 241–246). wbv.
Bosse, A. (2021). Schreibprozesse erforschen und darstellen – literaturwissenschaftliche Zugänge. In B. Huemer, U. Doleschal, R. Wiederkehr, M. Brinkschulte, K. Girgensohn, C. Mertlitsch & S. E. Dengscherz (Hrsg.), Schreibwissenschaft – Eine neue Disziplin. Diskursübergreifende Perspektiven (S. 195–210). Böhlau.
Braun, P., & Kreitz, D. (2024a). Aufschreibesysteme. Eine medienanalytische Perspektive. In A. Karsten & S. Haacke (Hrsg.), 40 Begriffe für eine Schreibwissenschaft: Konzeptuelle Perspektiven auf Praxis und Praktiken des Schreibens (S. 31–36). wbv.
Braun, P., & Kreitz, D. (2024b). Schreibszene/Schreib-Szene. Eine literatur- und medienkulturwissenschaftliche perspektive. In A. Karsten & S. Haacke (Hrsg.), 40 Begriffe für eine Schreibwissenschaft: Konzeptuelle Perspektiven auf Praxis und Praktiken des Schreibens (S. 229–234). wbv.
Fischer-Appelt, B., & Wüschner, P. (o.D.). f_LAB Dossier – Willkommen in der Affektzeit. Warum es in Kommunikationsstrategien zuerst ums Erleben gehen muss. https://www.flab.de/#dossierdownload
Grieshammer, E. (2018). Textentwürfe besprechen: Analysen aus der akademischen Schreibberatung. wbv.
Kreitz, D. (2021a). Die persönliche Schreibwerkstatt erkunden. In F. Freise, M. Schubert, L. Musumeci & M. Jacoby (Hrsg.), Writing spaces: Wissenschaftliches Schreiben zwischen und in den Disziplinen (S. 161–177). wbv. https://doi.org/10.3278/60004793w
Kreitz, D. (2021b). Mein Thema ist, dass Emotionen darüber bestimmen, wie wir uns im Schreibprozess verhalten – ein Interview mit Gabriela Ruhmann. In B. Huemer, U. Doleschal, R. Wiederkehr, M. Brinkschulte, K. Girgensohn, C. Mertlitsch & S. E. Dengscherz (Hrsg.), Schreibwissenschaft – Eine neue Disziplin. Diskursübergreifende Perspektiven (S. 111–128). Wien: Böhlau.
Perrig, S. (2011). Am Schreibtisch großer Dichter und Denkerinnen: Eine Geschichte literarischer Arbeitsorte. Rüffer & Rub.
Porombka, S. (2012). Schreiben unter Strom: Experimentieren mit Twitter, Blogs, Facebook & Co. Dudenverl.
SFB 1171: „Affektives Arrangement“. Affective Societies: Key Concepts Online. Published by SFB 1171 Berlin, 4. November 2022.
Slaby, J. (2019). Affective Arrangement. In J. Slaby & C. von Scheve (Hrsg.), Affective Societies: Key Concepts (S. 109–118). Routledge.
Steinhoff, T. (2023). Der Computer schreibt (mit). Digitales Schreiben mit Word, Whatsapp, ChatGPT & Co. als Koaktivität von Mensch und Maschine. MiDU – Medien Im Deutschunterricht, 5(1), 1–16. https://doi.org/10.18716/ojs/midu/2023.1.4
Stingelin, M. (2012). UNSER SCHREIBZEUG ARBEITET MIT AN UNSEREN GEDANKEN. In S. Zanetti (Hrsg.), Schreiben als Kulturtechnik. Grundlagentexte (S. 283–304). Suhrkamp.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Gastbeitrag (11. August 2025). Positives Schreiberleben durch Affirmative Arrangements: Hä? Die Schreibtasche für Schreibdidaktik. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/14gzf